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Dienstag, 30.10.2007

Stern vs. Parker

Der Stern hat sich mal wieder über die Weinwelt ausgelassen. Diesmal allerdings nicht die Kollegen von der Stammredaktion in der gedruckten Ausgabe sondern die Onliner von stern.de. Anlass ist diesmal die Biographie, die Hanna Agostini über Robert Parker geschrieben hat: "Robert Parker - Anatomie d´un Mythe" Das Buch hat schon vor Erscheinen in Frankreich viel Aufsehen erregt und ein Gericht beschäftigt. Zwei freie Mitarbeiter haben versucht daraus so etwas wie eine Generalabrechnung mit dem Grosskritiker aus Maryland zu stricken. Titel: Weinpapst auf der Anklagebank. Da ich das Buch, das erst in den nächsten Tagen erscheinen wird, selbst noch nicht gelesen habe, kann ich nur schwer entscheiden, wer uns da die Märchen, die der Artikel ganz offensichtlich enthält, auftischt. Schreibt Frau Agostini in einigen Passagen ganz grob die Unwahrheit? Können die beiden Schreiber nicht richtig lesen? Hatten sie überhaupt das vollständige Manuskript oder nur Auszüge. Oder haben sie mangels der nötigen Fachkenntnisse einfach nur einiges falsch verstanden? Laut Stern-Redaktion liegen den beiden Autoren das vollständige Buch und die Korrespondenzen der Anwälte mit dem Gericht vor. Dann werfen die folgenden vier Zitate allerdings viele Fragen auf.
"Nur sieben Tage pro Jahr" verbringe ihr ehemaliger Chef in Frankreich, so die Autorin, die jahrelang in seinen Diensten stand.“
Wenn Hanns Agostini das tatsächlich so geschrieben haben sollte, dann sagt sie wider besseres Wissen die Unwahrheit; denn sie selbst hat Reisen organisiert, die viel länger waren. Parker hält sich in der Regel bis zu neun Wochen pro Jahr in Frankreich auf. Er reist allein mindestens zwei oder drei Mal im Laufe eines Jahres für eine Woche oder länger nach Bordeaux oder auch drei Wochen an die Rhone. Jedenfalls ist er mir da wie dort schon zu so unterschiedlichen Zeiten bei Verkostungen begegnet. Die Aussage er verbringe nur sieben Tage pro Jahr in Frankreich widerspricht völlig meinen persönlichen Erfahrungen mit dem Mann und dies bestätigen mir auch alle Kontakte, die ich in der französischen Weinszene habe. Für den Stern wären es eine Handvoll Telefonate gewesen, zu recherchieren, dass diese Behauptung nicht stimmt. Damit hätte man dann aber entweder diesen Teil der Geschichte zu tot recherchiert wie es im Zeitungs-Jargon heisst oder man hätte fragen müssen, warum Hanna Agostini die Unwahrheit schreibt. Das wäre dann aber eine andere Geschichte und diese wollte man anscheinend nicht.


Und weiter heisst es:
"Parkers Verkostungen bereiten nicht etwa unabhängige Experten oder bezahlte Mitarbeiter vor, sondern Großhändler aus seinem Freundeskreis." Agostini nennt Namen: Dominique Renard, Jeffrey Davies, Bill Blatch oder Archibald Johnston sowie der weltberühmte Wein-Consultant Michel Rolland, der sich als "Flying Winemaker" preist.“
Ich kann mich nicht erinnern, dass Michel Rolland sich jemals selbst als Flying winemaker gepriesen hat. Das besorgen andere zu genüge. Und was beispielsweise Bill Blatch angeht, gibt es - da sind sich alle Fachleute einig – kaum einen grösseren und erfahreneren Kenner des Bordelais als ihn. Seine Jahrgangsreports sind selbst für die Erzeuger so etwas wie eine Bibel. Jedenfalls gibt es keine besseren und ausführlicheren Jahrgangsdarstellungen als die von Bill Blatch.
„Die Großhändler“, sagt Agostini, "stellen Parker in der Regel Weine aus ihrem Sortiment vor" - ein Art Insidergeschäft, denn sie profitieren von der Wertsteigerung durch das Parker-Urteil.“
Was hier als eine Besonderheit, als eine Art Spezialarrangement für Parker dargestellt wird, ist in Wahrheit eine Form der Präsentation, die jeder bekommt, der beispielsweise während der Primeurwochen akkreditiert ist. Für diese Handelspräsentationen kann man problemlose Einladungen bekommen. Lediglich einige ganz wenige Châteaux behalten sich vor nicht jeden zu empfangen. Bei anderen geht es ganz einfach der Reihe nach. Wer sich als erster anmeldet, kommt als erster dran. Wenn alle Termine vergeben sind, wird die Liste geschlossne und man hat das Nachsehen. Parker kommt allerdings oft vor oder nach den Primeurwochen nach Bordeaux um dem dann dort herrschenden Trubel zu entgehen. Aber das tun andere auch. Im übrigen basierte auch der grosse Stern-Report über den Jahrgang 2005, den Armin Diel und Joel Payne für das Hamburger Magazin geschrieben haben, auf solchen Verkostungen teils arrangiert durch die Union des Grands Cru, teils durch Châteaux, teils durch den Handel. Warum misst der Stern da mit zweierlei Mass?
„Ein Sonderfall ist Berater Rolland, der den Winzern seit Jahren beibringt, wie man Weine auf Parkers bevorzugte Geschmacksrichtung trimmt.“
Eine immer wieder gern erzählte Geschichte, die aber durch ständiges Wiederholen nichts an Wahrheitsgehalt gewinnt. Dazu sind viele der Weine, die von Rolland beraten und angeblich parkerisiert wurden, zu unterschiedlich im Charakter. Sie sind eben stilistisch nicht gleich. Grosse Weine kamen in Bordeaux und Burgund davon abgesehen auch schon vor Rolland ins neue Holzfass. Sie wurden schon vor Rolland mit höchster physiologischer Reife gelesen. Und lange Maischestandzeiten oder Vergären in Holz-Cuves sind ebenso wenig neu wie das Füllen ohne Schönung und Filtration. Und dass die Alkoholgrade der Bordelaiser Weine in den vergangenen 20 Jahren um 1,5 Grad gestiegen sind, liegt nicht an Rolland und Parker sondern in erster Linie am Klimawandel und seinen Folgen.

Kommentare

"Ich kann mich nicht erinnern, dass Michel Rolland sich jemals selbst als Flying winemaker gepriesen hat."
Auch wenn sich über Rolland (und Parker) immer gut streiten lässt, als flying winemaker hat er sich definitiv schon selbst bezeichnet.
Charles B. | 30.10.2007 - 13:42
Für die Leser, die des Französischen mächtig sind, hier eine interessante Besprechung des Buches von einem, der es nicht nur ganz gelesen hat, sondern auch die Autorin gut genug kennt:
http://closdesfees.com/blog2/index.php/post/2007/10/23/Le-critique-critique

der Autor ist Hervé Bizeul vom Clos des Fees im Roussillon, der einen der interessantesten Weinblogs schreibt (als alter Journalist und Sommelier und nun auch schon reichlich bekannter Winzer).
Iris | 30.10.2007 - 15:20
Mir ist kein autorisiertes Interview von Michel Rolland bekannt, in dem er das so gesagt hat. Nur Artikel, in den das Autoren über ihn schreiben. Aber das ist ja allenfalls ein Marginalie im Vergleich zu den anderen Punkten.
Mario Scheuermann | 30.10.2007 - 15:20
Dass Parker in gewisser Hinsicht ein "Produkt" des Weinhandels, genauer gesagt des Bordelaiser Négoce und seiner amerikanischen Importeure, ist, kann man schwerlich bestreiten. Das wird durch Geschichtchen über Patenschaften oder nicht weder be- noch widerlegt.

Wie könnte es auch anders sein? Man stelle sich vor, da ist ein völlig unbekannter Rechtsanwalt aus Maryland, der einen handgestrickten Newsletter mit seinen persönlichen Weinbewertungen verteilt. Anders als mithilfe potenter und in gut in der Szene etablierter Multiplikatoren kriegt so jemand nicht einmal ein raues Husten unter die Leute. Schon gar nicht wird er zum einflussreichsten Weinkritiker der USA.

Erinnert sei daran, dass auch Parkers langjähriger Adjutant Rovany aus dem Weinhandel/-import kam.

Wer das erst nach dem Buch von Agostini skandalös findet, der hat knappe zwei Jahrzehnte geschlafen. Ich persönlich finde es weder erstaunlich, noch skandalös, wenn man daran denkt, wie tief beispielsweise die britischen Weinautoren mit dem Handel verstrickt sind oder wie wenig es in Deutschland als skandalös gilt, dass ein maßgeblicher Weinführer von einem Winzer und einem (ehemaligen) Weinhändler herausgegeben wird.
Eckhard Supp | 30.10.2007 - 16:22
Ich werde mir bei Gelegenheit den Film "Mondovino" noch mal anschauen - bin aber ziemlich sicher, dass Michel Rolland sich dort - nicht ohne einen gewissen Stolz - auch selbst als "flying winemaker" bezeichnet bzw. die Bezeichnung im Gespräch gelten lässt.
Sven Thiele | 30.10.2007 - 16:23
Sven Thiele hat Recht, in "Mondovino" hat er sich sehr selbstzufrieden so bezeichnet. Allerdings kommen auch hier weder Rolland, noch Parker sonderlich gut weg.
Es mag ja sein, dass Frau Agostinis Buch eventuell Schwächen hat, aber „unsichtbare“ Bande zwischen Weinbranche und Journalismus gibt es ja nicht nur in Frankreich...
Charles B. | 30.10.2007 - 16:40
Ok, ok, ist ja schon gut. Diesen verlogenen Propagandaschinken hatte ich mehr oder minder aus meinem Gedächtnis gestrichen und ich werde es mir sicher nicht antun, den nochmal zu ertragen nur um zu verifizieren, dass er das da gesagt hat.

Was die Verbandelung zwischen Weinkritikern und dem Handel bzw. Erzeugern angeht, ist dies vor allem in England völlig normal. Und diese Bande sind keineswegs unsichtbar. Im Falle Parkers sind es eher Freundschaften. Das schreibt auch Agostini so. Ob das Buch wirklich Schwächen hat oder nur der Stern-Artikel über das Buch kann ich erst beurteilen,w enn ich es gelesen habe. Die wenigen Auszüge, die man bekommt genügen da nicht. Allerdings erweckt es durchaus den Anschein einer Story nach dem Motto: die bösen alten Buben haben das kleine Mädchen nicht mehr mitspielen lassen und jetzt petzt sie vor der Klasse. Ein veräterrischer satz: "Après 2003 et le depart d`Hanna Agostini, l´ancienne garde de Robert Parker demeure fidèle au poste." Tatsache ist: sie gehörte zum inneren Kreis (premier cercle) des Systems Parker und wurde daraus verstossen. Was dann passiert, kennen man ja aus der Sage von den Rittern der Tafelrunde.
Mario Scheuermann | 30.10.2007 - 16:58
Hallo Herr Scheuermann, mich, als jungen Nachwuchs-Weinfreund, würden Ihre Kenntnisse über die "Verlogenheit des Propagandaschinkens Mondovino" interessieren. Sicher, Bilder und Wort kann man so schneiden, wie man will. Was werfen Sie dem Film konkret vor? Was ist mit Sicherheit falsch? Was wissen Sie besser? Wie ist die/Ihre Wahrheit?
Sven Thiele | 30.10.2007 - 17:26
Ach das ist - um mit Fontane zu sprechen - ein weites Feld und in Form von Kommentaren kaum zu fassen. Ein Beispiel dennoch: nach meinen Informationen und Recherchen ist die Geschichte mit Aniane völlig anders abgelaufen, als sie von Nossiter dargestellt wurde. Das war eine ganz eindeutige Anti-Mondavi-Propaganda, bei der alle "Fakten" so gedreht und geschnitten wurden, dass ein richtiges schwarz-weiss Bild entstand: hier die armen, braven Winzer dort der böse Multi und in der Mitte die rot-grünen Robin Hoods aus dem Busch. Das war ne prima Filmstory, hatte aber mit der Realität nix zu tun.
Mario Scheuermann | 30.10.2007 - 18:19
Aha, „Verbandelung“, „Freundschaften“, „inneren Kreis“. Ich der Politik würde man das wohl Filz nennen.
Naja, es scheint so, als ob - Polemik hin oder her – sowohl „Mondovino“ als auch Frau Agostini den Finger auf die richtige Wunde gelegt zu haben.
Und bei meinen Kenntnissen von PR und Journalismus würde es mich wundern, warum es ausgerechnet in der Weinwirtschaft so ganz anders laufen sollte.
Charles B. | 30.10.2007 - 21:54
@Charles B.
Wenn man das durch die richtige ideologische Brille betrachtet, kann man das sicher so sehen. Was das Agostini-Buch betrifft, reichen mir die wenigen kurzen Passagen, die ich kenne, nicht aus um ein endgültiges Urteil zu fällen. Was Mondovino betrifft ist die Lage anders. Der Film ist in meinen Augen eine miese und plumpe Propaganda-Nummer zur Unterhaltung für Globalisierunsgegner. Schlimm nur, dass soviele Weinfreunde darauf hereingefallen sind und das für bare Münze nehmen.
Mario Scheuermann | 30.10.2007 - 22:43
Wenn man ins Kalkül zieht, dass mächtige Leute bei aller äußerer Ehrbarkeit ganz oft auch ein paar weniger bekannte Leichen im Keller haben, Leute, die mal wann mit ihnen arbeiteten und dann aus irgendwelchen Dreiteufelsgründen nicht mehr, und dass es eigenartige Leute gibt, die nichts lieber tun als ghost-zu-writen, im klaren kommerziellen Erkennen, dass es hunderttausende Leser geben werde, die ein bisschen geborgten Pfeffer aus anderer Leute für das eigene Leben imaginieren (das Konzept nennt sich sonst "Yellow press"). Zwecks Unterhaltung.

Süffisanz statt Brisanz. Wer´s braucht.. Dann ist das Rezept dieses Buches, das auch ich nicht gelesen habe, wohl vorher schon sonnenklar, geplant, planbar.

So klar und durchsichtig, dass ich mir angesichts des Schmuddelrührens und des absehbar begrenzten Unterhaltungswertes dieses Buch hochwahrscheinlich nicht kaufen werde. Es sei denn, in vielleicht so sieben Jahren mit Kaffeeflecken auf "ih, baby".. für einsfuffzich im mordenden Antiquariat.

Journalisten zum Weine werden und sollten das natürlich anders sehen. Sie sollten aber auch nicht in die Kerner- Jauch- Christiansen- Will-Maschen verfallen: sich nacheinander alle gegenseitig in ihre Shows einzuladen, weil sie alle doch soo uuuungeheeeuer wichtige Leute des Zeitgeistes seien, also soo sehr sehenswert..!.. ..

Selbstreferentiell. Schreiber schreiben über Schreiber. Bauchnabelschau. Sorry, finde ich konzeptiv uninteressant.

Ich werde keinen verurteilen, der das Buch liest, und auch wohl kaum einen, der darüber schreibt. Aber diesen ganzen Affentanz ums Kalb oder um das Herrchen bekannt kalbsgroßer Hunde finde ich zum Gähnen langweilig.

Lieber einen guten Bordeaux heben und dann darüber schreiben und disputieren, als die möglichen bis wahrscheinlichen Klogeschichten großer Leute durchzuhecheln und zu bekakeln. Deren Klogang darzustellen zeigen soll, dass auch sie, die hach so großen, nur kleine Leute seien ("..kocht auch nur mit Waser..") und damit dem "gemeinen kleinen Manne" näher kämen. Tscha. Das kratzt einen wie Parker nur peripher.

Bad news are good news, im Zweifelsfalle also noch "keep cool": da ist so ein Yellow-Buch noch zusätzliche Werbung. Ohh.. ein soo wichtiger Mann.. Wollen wir dann mal uuunbedingt sein nächstes Buch kaufen..

Dies ganze rummelige Gejallere auf sekundären bis tertiären Themen ist öde, öde. Viel interessanter ist, wann der Meister der Zungen die Hose zu den 100 PP des 2003 Montrose runterlässt. Findeich viel wichtiger. Das bepfeffert mir die Lebens- und Weinfreude, denn davon bunkere ich ein paar..

:-)

Freundlichen Gruß

Bernd Beckschwarte
Bernd Beckschwarte | 31.10.2007 - 02:21
Erlauchter Disputantenkreis!
Geld machen ,feine Bordeaux kaufen,nach einer Meinung,die sich aus mehreren Quellen speisen darf und kann,viel verkosten,noch mehr trinken,wenn mann jung ist,so wie ich,der noch circa 492 Monate bei bester Gesundheit zu leben hat,eine Weinbibliothek aufbauen,gesammelte Schätze mit verständigen Freunden nachverkosten,noch mehr Geld machen,noch mehr trinken,gute Steaks braten,gute Bücher lesen,nicht neidisch sein,nicht Waden beissen!
Michael Risse | 31.10.2007 - 07:53
Was die "nur 7 Tage im Jahr in Frankreich" betrifft, könnte Mme A. tatsächlich Recht haben: hatte RP nach 9/11 sein Reiseprogramm deutlich heruntergefahren und u.a. auf die Primeur-Kampagne verzichtet. Damals nämlich stand Mme A. noch auf der Gehaltsliste von RP.
pivu | 01.11.2007 - 09:22
Mich interessiert Parker nicht. Und meine französischen Freunde auch nicht. Ich glaube die einzigen Franzosen, die sein Buch aufschlagen sind Weinproduzenten und Händler. Bewertet Parker gut, machen sie beste Geschäfte in den USA, England und Deutschland.
Das wars aber auch.
Schade, dass sich in Deutschland so viele nach ihm richten. Vor allem jüngere Weinfreunde, die Mitte zwanzig und zu viel erstem eigenen Geld einkaufen gehen.
Vincent | 09.11.2007 - 17:50

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