Dienstag, 30.10.2007
Stern vs. Parker
"Nur sieben Tage pro Jahr" verbringe ihr ehemaliger Chef in Frankreich, so die Autorin, die jahrelang in seinen Diensten stand.“Wenn Hanns Agostini das tatsächlich so geschrieben haben sollte, dann sagt sie wider besseres Wissen die Unwahrheit; denn sie selbst hat Reisen organisiert, die viel länger waren. Parker hält sich in der Regel bis zu neun Wochen pro Jahr in Frankreich auf. Er reist allein mindestens zwei oder drei Mal im Laufe eines Jahres für eine Woche oder länger nach Bordeaux oder auch drei Wochen an die Rhone. Jedenfalls ist er mir da wie dort schon zu so unterschiedlichen Zeiten bei Verkostungen begegnet. Die Aussage er verbringe nur sieben Tage pro Jahr in Frankreich widerspricht völlig meinen persönlichen Erfahrungen mit dem Mann und dies bestätigen mir auch alle Kontakte, die ich in der französischen Weinszene habe. Für den Stern wären es eine Handvoll Telefonate gewesen, zu recherchieren, dass diese Behauptung nicht stimmt. Damit hätte man dann aber entweder diesen Teil der Geschichte zu tot recherchiert wie es im Zeitungs-Jargon heisst oder man hätte fragen müssen, warum Hanna Agostini die Unwahrheit schreibt. Das wäre dann aber eine andere Geschichte und diese wollte man anscheinend nicht.
Und weiter heisst es:
Ich kann mich nicht erinnern, dass Michel Rolland sich jemals selbst als Flying winemaker gepriesen hat. Das besorgen andere zu genüge. Und was beispielsweise Bill Blatch angeht, gibt es - da sind sich alle Fachleute einig – kaum einen grösseren und erfahreneren Kenner des Bordelais als ihn. Seine Jahrgangsreports sind selbst für die Erzeuger so etwas wie eine Bibel. Jedenfalls gibt es keine besseren und ausführlicheren Jahrgangsdarstellungen als die von Bill Blatch."Parkers Verkostungen bereiten nicht etwa unabhängige Experten oder bezahlte Mitarbeiter vor, sondern Großhändler aus seinem Freundeskreis." Agostini nennt Namen: Dominique Renard, Jeffrey Davies, Bill Blatch oder Archibald Johnston sowie der weltberühmte Wein-Consultant Michel Rolland, der sich als "Flying Winemaker" preist.“
Was hier als eine Besonderheit, als eine Art Spezialarrangement für Parker dargestellt wird, ist in Wahrheit eine Form der Präsentation, die jeder bekommt, der beispielsweise während der Primeurwochen akkreditiert ist. Für diese Handelspräsentationen kann man problemlose Einladungen bekommen. Lediglich einige ganz wenige Châteaux behalten sich vor nicht jeden zu empfangen. Bei anderen geht es ganz einfach der Reihe nach. Wer sich als erster anmeldet, kommt als erster dran. Wenn alle Termine vergeben sind, wird die Liste geschlossne und man hat das Nachsehen. Parker kommt allerdings oft vor oder nach den Primeurwochen nach Bordeaux um dem dann dort herrschenden Trubel zu entgehen. Aber das tun andere auch. Im übrigen basierte auch der grosse Stern-Report über den Jahrgang 2005, den Armin Diel und Joel Payne für das Hamburger Magazin geschrieben haben, auf solchen Verkostungen teils arrangiert durch die Union des Grands Cru, teils durch Châteaux, teils durch den Handel. Warum misst der Stern da mit zweierlei Mass?„Die Großhändler“, sagt Agostini, "stellen Parker in der Regel Weine aus ihrem Sortiment vor" - ein Art Insidergeschäft, denn sie profitieren von der Wertsteigerung durch das Parker-Urteil.“
Eine immer wieder gern erzählte Geschichte, die aber durch ständiges Wiederholen nichts an Wahrheitsgehalt gewinnt. Dazu sind viele der Weine, die von Rolland beraten und angeblich parkerisiert wurden, zu unterschiedlich im Charakter. Sie sind eben stilistisch nicht gleich. Grosse Weine kamen in Bordeaux und Burgund davon abgesehen auch schon vor Rolland ins neue Holzfass. Sie wurden schon vor Rolland mit höchster physiologischer Reife gelesen. Und lange Maischestandzeiten oder Vergären in Holz-Cuves sind ebenso wenig neu wie das Füllen ohne Schönung und Filtration. Und dass die Alkoholgrade der Bordelaiser Weine in den vergangenen 20 Jahren um 1,5 Grad gestiegen sind, liegt nicht an Rolland und Parker sondern in erster Linie am Klimawandel und seinen Folgen.„Ein Sonderfall ist Berater Rolland, der den Winzern seit Jahren beibringt, wie man Weine auf Parkers bevorzugte Geschmacksrichtung trimmt.“
Scheuermann um 10:36 | Wein | TrackBack (0) | 15 Kommentare | Artikel versenden
Kommentare
http://closdesfees.com/blog2/index.php/post/2007/10/23/Le-critique-critique
der Autor ist Hervé Bizeul vom Clos des Fees im Roussillon, der einen der interessantesten Weinblogs schreibt (als alter Journalist und Sommelier und nun auch schon reichlich bekannter Winzer).
Wie könnte es auch anders sein? Man stelle sich vor, da ist ein völlig unbekannter Rechtsanwalt aus Maryland, der einen handgestrickten Newsletter mit seinen persönlichen Weinbewertungen verteilt. Anders als mithilfe potenter und in gut in der Szene etablierter Multiplikatoren kriegt so jemand nicht einmal ein raues Husten unter die Leute. Schon gar nicht wird er zum einflussreichsten Weinkritiker der USA.
Erinnert sei daran, dass auch Parkers langjähriger Adjutant Rovany aus dem Weinhandel/-import kam.
Wer das erst nach dem Buch von Agostini skandalös findet, der hat knappe zwei Jahrzehnte geschlafen. Ich persönlich finde es weder erstaunlich, noch skandalös, wenn man daran denkt, wie tief beispielsweise die britischen Weinautoren mit dem Handel verstrickt sind oder wie wenig es in Deutschland als skandalös gilt, dass ein maßgeblicher Weinführer von einem Winzer und einem (ehemaligen) Weinhändler herausgegeben wird.
Es mag ja sein, dass Frau Agostinis Buch eventuell Schwächen hat, aber „unsichtbare“ Bande zwischen Weinbranche und Journalismus gibt es ja nicht nur in Frankreich...
Was die Verbandelung zwischen Weinkritikern und dem Handel bzw. Erzeugern angeht, ist dies vor allem in England völlig normal. Und diese Bande sind keineswegs unsichtbar. Im Falle Parkers sind es eher Freundschaften. Das schreibt auch Agostini so. Ob das Buch wirklich Schwächen hat oder nur der Stern-Artikel über das Buch kann ich erst beurteilen,w enn ich es gelesen habe. Die wenigen Auszüge, die man bekommt genügen da nicht. Allerdings erweckt es durchaus den Anschein einer Story nach dem Motto: die bösen alten Buben haben das kleine Mädchen nicht mehr mitspielen lassen und jetzt petzt sie vor der Klasse. Ein veräterrischer satz: "Après 2003 et le depart d`Hanna Agostini, l´ancienne garde de Robert Parker demeure fidèle au poste." Tatsache ist: sie gehörte zum inneren Kreis (premier cercle) des Systems Parker und wurde daraus verstossen. Was dann passiert, kennen man ja aus der Sage von den Rittern der Tafelrunde.
Naja, es scheint so, als ob - Polemik hin oder her – sowohl „Mondovino“ als auch Frau Agostini den Finger auf die richtige Wunde gelegt zu haben.
Und bei meinen Kenntnissen von PR und Journalismus würde es mich wundern, warum es ausgerechnet in der Weinwirtschaft so ganz anders laufen sollte.
Wenn man das durch die richtige ideologische Brille betrachtet, kann man das sicher so sehen. Was das Agostini-Buch betrifft, reichen mir die wenigen kurzen Passagen, die ich kenne, nicht aus um ein endgültiges Urteil zu fällen. Was Mondovino betrifft ist die Lage anders. Der Film ist in meinen Augen eine miese und plumpe Propaganda-Nummer zur Unterhaltung für Globalisierunsgegner. Schlimm nur, dass soviele Weinfreunde darauf hereingefallen sind und das für bare Münze nehmen.
Süffisanz statt Brisanz. Wer´s braucht.. Dann ist das Rezept dieses Buches, das auch ich nicht gelesen habe, wohl vorher schon sonnenklar, geplant, planbar.
So klar und durchsichtig, dass ich mir angesichts des Schmuddelrührens und des absehbar begrenzten Unterhaltungswertes dieses Buch hochwahrscheinlich nicht kaufen werde. Es sei denn, in vielleicht so sieben Jahren mit Kaffeeflecken auf "ih, baby".. für einsfuffzich im mordenden Antiquariat.
Journalisten zum Weine werden und sollten das natürlich anders sehen. Sie sollten aber auch nicht in die Kerner- Jauch- Christiansen- Will-Maschen verfallen: sich nacheinander alle gegenseitig in ihre Shows einzuladen, weil sie alle doch soo uuuungeheeeuer wichtige Leute des Zeitgeistes seien, also soo sehr sehenswert..!.. ..
Selbstreferentiell. Schreiber schreiben über Schreiber. Bauchnabelschau. Sorry, finde ich konzeptiv uninteressant.
Ich werde keinen verurteilen, der das Buch liest, und auch wohl kaum einen, der darüber schreibt. Aber diesen ganzen Affentanz ums Kalb oder um das Herrchen bekannt kalbsgroßer Hunde finde ich zum Gähnen langweilig.
Lieber einen guten Bordeaux heben und dann darüber schreiben und disputieren, als die möglichen bis wahrscheinlichen Klogeschichten großer Leute durchzuhecheln und zu bekakeln. Deren Klogang darzustellen zeigen soll, dass auch sie, die hach so großen, nur kleine Leute seien ("..kocht auch nur mit Waser..") und damit dem "gemeinen kleinen Manne" näher kämen. Tscha. Das kratzt einen wie Parker nur peripher.
Bad news are good news, im Zweifelsfalle also noch "keep cool": da ist so ein Yellow-Buch noch zusätzliche Werbung. Ohh.. ein soo wichtiger Mann.. Wollen wir dann mal uuunbedingt sein nächstes Buch kaufen..
Dies ganze rummelige Gejallere auf sekundären bis tertiären Themen ist öde, öde. Viel interessanter ist, wann der Meister der Zungen die Hose zu den 100 PP des 2003 Montrose runterlässt. Findeich viel wichtiger. Das bepfeffert mir die Lebens- und Weinfreude, denn davon bunkere ich ein paar..
:-)
Freundlichen Gruß
Bernd Beckschwarte
Geld machen ,feine Bordeaux kaufen,nach einer Meinung,die sich aus mehreren Quellen speisen darf und kann,viel verkosten,noch mehr trinken,wenn mann jung ist,so wie ich,der noch circa 492 Monate bei bester Gesundheit zu leben hat,eine Weinbibliothek aufbauen,gesammelte Schätze mit verständigen Freunden nachverkosten,noch mehr Geld machen,noch mehr trinken,gute Steaks braten,gute Bücher lesen,nicht neidisch sein,nicht Waden beissen!
Das wars aber auch.
Schade, dass sich in Deutschland so viele nach ihm richten. Vor allem jüngere Weinfreunde, die Mitte zwanzig und zu viel erstem eigenen Geld einkaufen gehen.







