Mittwoch, 05.11.2008

Sensationeller Rebsortenfund an der Nahe

Bei der Untersuchung von Überresten einer hochmittelalterlichen Weinbergsanlage an der Nahe ist dem deutschen Rebforscher Andreas Jung eine sensationelle Entdeckung gelungen. In aufgelassenen alten Terrassen des ehemaligen Klosterweinberges am Disibodenberg fand er die wahrscheinlich ältesten wurzelechten Rebstöcke der Sorte Orleans, die es in Deutschland noch gibt.


Die Fundstelle liegt an einer sehr unzugänglichen Stelle an der südlichen Bruchkante des Berges unterhalb der Klosterruine und ist nur über einen schmalen Pfad zu erreichen. Dort haben an den äusseren Kanten der uralten Sandsteinmauern fünf verwilderte Reben des Weissen Orleans, der zur Familie des Hartheunisch zählt, überlebt. Mehrfach verzweigt hängen sie dort an der Steilwand herunter, wo sie der Lichtkonkurrenz der Schlehengebüsche entgehen konnten. Das ehemalige Weinbergsgelände gehört heute zum Besitz des Weingutes von Racknitz in Odernheim.

Unter Berücksichtigung des im Weingut von Racknitz vorhandenen historischen Kartenmaterials kann ausgeschlossen werden, dass es sich bei den identifizierten Reben um Anpflanzungen des Heidelberger Gartenarchitekten und Ampelographen Johann Metzger (1789-1852) handelt, der 1827 eine eigene Ampelographie über den Rheinischen Weinbau verfasste und auch den romantischen Landschaftspark um die Klosterruine Disibodenberg geplant hat. Insofern müssen die Reben aus einer Zeit stammen, als das Kloster Disibodenberg und dessen Weinberge noch in Betrieb gewesen sind, also zwischen 1108 und der Aufgabe des Klosters in 1559. Diese Zeitspanne entspricht der Dauer der mittelalterlichen Warmphase. Hildegard von Bingen war eine der ersten, die dort vom Hunnischen Wein sprach, zu dem auch der Hartheunisch gehörte, den wir heute in einer Spielart als Orleans kennen.

Der Biologe und Rebsortenkundler Andreas Jung aus dem pfälzischen Lustadt sucht seit Jahren in alten Weinbergsanlagen nach den letzten noch vorhandenen wurzelechten Bestände mit alten Reben in Deutschland. Im Zuge dieser von der Bundesanstalt für Landwirtschaft und Ernährung (BLE) in Auftrag gegebenen bundesweiten Erhebung ist Andreas Jung schon auf erstaunlich viele seltene, teils ausgestorben geglaubte Rebsorten wie Adelfränkisch, Fütterer, Süssschwarz oder die gelbe Seidentraube gestossen, die von ihm für die Zukunft gesichert werden. Auf Einladung des Weingutes von Racknitz hat Jung auch in den historischen Anlagen des Weingutes von Racknitz recherchiert.

Aufgrund ampelographischer Vergleiche ist sich Jung sicher, dass es sich bei den fünf Reben, die er am Disibodenberg gefunden hat, um die Rebsorte Orleans handelt. Orleans gehört zu den späten, sehr säurebetonten Rebsorten, die nur in heissen Lagen ausreifen. Während der Kleinen Eiszeit (1550-1850) dürfte diese spätreife Sorte keine Rolle gespielt haben. Säurebetonte, spätreife Sorten waren aber während der 200-jährigen Hochphase der hochmittelalterlichen Wärmeperiode geschätzt. Eine Bedeutung als Hauptsorte hatte er im 19. Jahrhundert nur am Rüdesheimer Berg, wo er heute wieder im Anbau ist. Zerstreute Vorkommen gab es bei Heidelberg und im Breisgau. Bei Deidesheim wurde er zur Abschreckung entlang der Wege gebaut, um Mundraub vorzubeugen. Auch ein anderer berühmter Weinberg an der Mittelhaardt, das Ungeheuer in Forst war zu Beginn des 19. Jahrhunderts nachweislich mit einem Mischsatz aus Orleans und Riesling bestockt. Einer legendären Weine jener Zeit, der heute noch trinkbare 1811er Ungeheuer des Weingutes Bassermann-Jordan, verdankt wahrscheinlich seine stupende Langlebigkeit eher dem darin enthaltenen Orleans als dem Riesling. Die Sorte bringt bei voller Reife sehr stabile, feurige, aber auch säurebetonte und wegen der dicken Schalen auch tanninreiche Weine.

An diese Tradition möchte das Ehepaar von Racknitz-Adams anknüpfen und einen Teil der alten Terrassen wieder mit aus diesem Material selektioniertem Orleans im Mischsatz mit Riesling zu bestocken und die Trauben im traditioneller Weise zu vinifizieren mit Maischstandzeit und Ausbau im klassischen Stückfass.

Kommentare

ist dass nicht eine spanennde sache, ich jedenfalls freu mich auf die fortsetzung dieser geschichte.
Thomas Metzger | 23.11.2008 - 21:57

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