Mittwoch, 15.07.2009

Zur Lage der Weinnation

Die deutsche Weinwirtschaft sitzt schon seit vielen Jahren in einer selbstgebastelten Falle. Diese droht jetzt zuzuschnappen. Zum einen sind die deutschen Strukturen kaum kompatibel zur neuen EU-Weinmarktordnung. Sie werden daher massiv unter der Anpassung zu leiden haben, die bis zum 1. August des kommenden Jahres abgeschlossen sein muss. Zum anderen brechen wesentliche Teile des bisherigen Auslandsmarketings weg vor allem in den wichtigen Zukunftsmärkten in Asiens.

Ich kann mich noch gut an die negativen Reaktionen aus der Weinbranche erinnern, als ich vor 25 Jahren in Artikeln und Kommentaren darauf hingewiesen habe, dass es eines Tages ein böses Erwachen für die deutsche Weinwirtschaft geben werde, falls man am germanischen Sonderweg des Weinrechts festhalten sollte. Damals habe ich prophezeit, dass sich nicht nur Europa sondern die Weinwelt insgesamt über kurz oder lang nach romanischen Weinrechtsvorstellungen ordnen werde und in allen wichtigen weinbautreibenden Ländern der Welt regionale Strukturen und Weintypen entstehen werde, die sich an der Appellation contrôlee der Franzosen orientieren. Genau das ist passiert und Deutschland steht ziemlich allein auf weiter Flur mit den entsprechenden Anpassungsschwierigkeiten.

Das Allerbeste wäre es natürlich alle Strukturen aufzulösen. Aber das ist illusorisch. Allerdings wären dann die Winzer frei sich regional neu zu organisieren und sich selbst Spielregeln zu geben, die dann als Dossiers in Brüssel hinterlegt und anerkannt werden. Genau das ist es, was Brüssel möchte und unter Subsidiarität versteht. Die Verlagerung der wesentlichen Entscheidung von der politischen auf die Ebene der Produzenten. Diese könnten dann beispielsweise selbst zu definieren was typisch ist für den Kaiserstuhl oder das Markgräflerland, für die Mittelhaardt, den Rheingau oder die Saar: welche Rebsorten, welche Cuvees, welcher Ausbaustil, welches Gebinde etc. etc. . Diese Hausaufgaben hätte man schon seit Ende 1997 machen müssen, als klar war, dass die neue Weinmarktordnung so kommen wird. Von politischer Seite und von Seiten der Verbände hat man dies nicht nur versäumt sondern auch den Winzern verschwiegen. Jetzt befindet sich die Weinwirtschaft insgesamt in einem nur schwer zu bewältigenden Zeitdruck.

Gefahr droht aber auch von einer anderen Seite Die in Folge des CMA-Urteils aufgekommene Diskussion um die Finanzierung des Deutschen Weinfonds und des Deutschen Weininstituts hat dazu geführt, dass einige Beitragszahler ihre Abgaben nur noch unter Vorbehalt zahlen und klagen wollen. Inzwischen haben sich, wie man hier im Blog der Berliner Weinakademie lesen kann, einige der grössten Zwangsbeitragzahler darunter die Weinkellerei Peter Mertes diesem Kampf gegen die parafiskalische Abgabe angeschlossen. Der Deutsche Weinfonds musste deshalb in den vergangenen Wochen Rückstellungen bilden, was u.a. auch dazu geführt hat, dass Mittel, die dem Deutschen Weininstitut für Maßnahmen im In und Ausland zur Verfügung gestellt werden sollten, gegenüber den ursprünglichen Planungen für 2009 reduziert werden mussten. So DWI-Chefin Monika Reule imn der jüngsten Ausgabe des Exportbriefes. Im Klartexte heisst das, dass sich das DWI nach einem Beschluss des Aufsichtsrats des Deutschen Weinfonds aus den Märkten Japan, Russland und Korea zum Jahresende vollständig zurückziehen wird. Das Büro in Tokio wird bereits Ende September geschlossen. Die erstmals geplanten Maßnahmen in China wurden sofort gestoppt. In anderen Ländern wurden die Budgets zum Teil reduziert. Auch im Inland wurden entsprechende Kürzungen vorgenommen. Mein Hamburger Kollege Dr. Eckhard Supp spricht in seinem Weblog denn auch konsequenterweise von einem Offenbarungseid des DWI und fordert Rücktritte. Eines steht fest die Tage für diese Art von Weinwerbung und –marketing sind gezählt. Der Deutsche Wein geht allen Absatzerfolgen zum Trotz schweren Zeiten entgegen.

Kommentare

Sehr geehrter Herr Scheuermann,
haben Sie sich diesen Text genau überlegt?
Ihr Name | 15.07.2009 - 12:45
Sehr genau sogar. Aber was ist an der Frage so gefährlich, dass Sie sie anonym stellen müssen?
Mario Scheuermann | 15.07.2009 - 12:59
Sehr geehrter Herr Scheuermann,

mit Verlaub, aber Sie haben auch prophezeit, dass Herr Diel nicht zurücktreten wird. Und auch der 08er Bordeaux Jahrgang wurde von Ihnen schon im Voraus mehr als verrissen. Wie andere Verkoster diesen gesehen haben, wissen Sie ja mittlerweile.
Dringenden Handlungsbedarf bzgl. der Zukunft der deutschen Weine würde ich jetzt auch nicht sehen. Aber gut, dass Sie sich berufen fühlen ein Statement zur Lage der Nation, sorry des deutschen Weines abzugeben. Das spiegelt Ihre (geglaubte) Wichtigkeit in der Weinwelt wider.

Mit freundlichen Grüßen,
David Kellmer
David Kellmer | 15.07.2009 - 16:04
@David Kellmer

Erstens bin ich bei weitem nicht der einzige, der den Bordeaux Jahrgang 2009 kritisiert hat sondern einer von vielen und das letzte Wort ist da noch nicht gesprochen. Auch habe ich keineswegs prophezeit, dass Herr Diel nicht zurücktreten wird, sondern nur ein Interview mit dem Verleger geführt, der darin sagt, dass für ihn - also den Verlag - Armin Diel nicht zur Disposition stünde. Dass anschliessend hinter den Kulissen auf ziemlich üble Weise intrigiert wurde konnte der Veleger zu dem Zeitpunkt nicht wissen.

Was den Handlungsbedarf in der deutschen Weinwirtschaft betrifft sollten Sie das getrost denen überlasen, die etwas davon verstehen. Die sehen das überwiegend genau so wie ich.
Mario Scheuermann | 15.07.2009 - 16:57
wer sich für deutschen wein interessiert, wird sich auch mit den besonderheiten des weinrechts jedenfalls soweit auseinandersetzen, wie er deren auswirkungen für wichtig hält. dass es einen germanischen sonderweg auch bei den umlauten gibt, hält im parkerboard keinen davon ab, von der oberhäuser brücke zu schwärmen; auch mit spätlese, auslese, erstem gewächs und grossem gewächs gibt es da keine schwierigkeiten.
boris maskow | 15.07.2009 - 17:04
"Armin Diel nicht zur Disposition stünde. Dass anschliessend hinter den Kulissen auf ziemlich üble Weise intrigiert wurde konnte der Verleger zu dem Zeitpunkt nicht wissen"

Das halte ich für eine sehr gewagte Behauptung, von den Winzern habe ich und viele andere jedenfalls nichts gehört. Vielleicht können Sie mir mit einem Zitat eines Winzers die Zweifel an dieser Aussage nehmen.

Jens Stauer
Jens Stauer | 15.07.2009 - 17:10
Hallo herr Scheuermann,

ich kann Ihnen da nur vollständig zustimmen. Was ist von einer Performance des deutschen Weines zu halten, von dem sich 98 % lt Weingesetz als Qualitätswein präsentieren und dabei noch nicht einmal Landweinqualität haben. Also her mit den neuen (eigentlich im Romanischen alten) Begrifflichkeiten und diese mit anständigen Qualitätsanforderungen regional unterfüttern. Und dann auf freiwilliger Basis mit Unterstützung aus dem EU-Agrarfonds entsprechende Marketinggesellschaften bzw. Vereine gründen, die diese Weine anständig vermarkten. Die Franzosen machen es uns doch gekonnt vor. Man braucht nur den Banner der Vins de Loire auf Ihrer Seite anzuclicken!

Auf dass der deutsche Wein wieder den Stellenwert erhält, den er zu meines Großvaters Zeiten noch hatte -- nämlich einer der besten Weine.
Wolfgang | 15.07.2009 - 17:29
@Jens Stauer
sorry, ich hätte mich präziser ausdrücken müssen. Die Intrigen, die ich meine, gingen nicht von den Winzern aus sondern spielten sich in Verlagskorridoren und in Redaktionsbüros ab. Da liefen noch ganz andere Dinge, über di ich hier nicht reden möchte; denn zumindesat dieser Teil ist Schnee von gestern.
Mario Scheuermann | 15.07.2009 - 17:37
@ Wolfgang: Die Franzosen machen uns aber auch vor, dass einige wenige "Markenweine" sauteuer verkauft werden, während die Nachbarn auf ihren Weinen auch unter 5,- sitzen bleiben, sie machen uns vor, wie riesige Mengen destilliert werden müssen, sie machen uns vor, dass ganze Weinregionen kämpfend durch die Strassen marschieren, weil sie vom Weinbau nicht mehr leben können.
Solche Strukturen müssen wir uns wirklich nicht zum Vorbild nehmen, denn hinter den bunten Bildchen steckt die bröckelnde Fassade.
LG Knalli
Helmut O. Knall (knalli) | 15.07.2009 - 18:31
Sorry, aber von den Franzosen gibt es derzeit nichts, aber auch gar nichts, was wir über Weinvermarktung lernen wollen. Nirgendwo wird mehr Wein destilliert, nirgendwo wird mehr unverkäuflicher Wein produziert. Und das, obwohl französische Weine im verg. Jahr mit durchschnittlich 1,87 Euro/0,75 ltr. im deut. LEH die billigsten überhaupt waren (lt. GfK). Wer uns also die französische Weinwirtschaft als Vorbild präsentiert, hat offensichtlich sehr wenig Ahnung von der Materie.
Es wäre völliger Nonsens, würden wir ohne Not auf unsere bekannten, eingeführten Weinbezeichnungen von heute auf morgen verzichten. Ich bin sicher, die Verwirrung beim ohnehin am Weinregal oft überforderten Verbraucher wäre komplett. Zum DWI: es ist offensichtlich, dass die derzeitige Regelung nicht mehr lange halten wird, die anhängigen Klagen, oder Zahlungen unter Vorbehalt schränken den Handlungsspielraum des DWI ohnehin schon deutlich ein. Es wäre an der Zeit, sich einen Plan B zu überlegen, denn wir werden auch in der Zukunft ein gutes, zentrales Marketing für den deutschen Wein brauchen.
Uwe Schöttle | 16.07.2009 - 08:41
Hallo Herr Scheuermann, hallo Herr Schöttle,

dass es überall Licht und Schatten gibt, ist auch mir klar. Aber trotzdem kann man von guten Ideen immer profitieren. Ich habe nicht gesagt, dass der französische Weinmarkt gut und generell vorbildlich ist sondern dass es dort einige gute Marketingstrategien gibt, von denen man getrost etwas lernen kann. Bitte immer differenziert betrachten, das hilft bei einer sachlichen Diskussion ungemein. Und was bewährte Strukturen angeht, des Bessere ist immer der Feind des Guten. In diesem Sinne, lasst uns gemeinsam für Qualitäten kämpfen.
Wolfgang | 17.07.2009 - 09:44
Hallo Herr Scheuermann,

weil sie so differenziert betrachten, haben sie ja auch die unglaublich feinzeichnende Überschrift "Zur Lage der Weinnation" gewählt oder bei TAW gleich "Schwere Zeiten für den deutschen Wein" prognostziert. ;-) Raffiniert...und eben so DIFFERENZIERT!
Marc H. | 17.07.2009 - 15:11
Gut geschrieben ! Aus vielen Gesprächen der letzten Wochen, kann ich nur bestätigen, dass die "deutsche Weinwirtschaft" mit Sicherheit in nächster Zeit einige Diskussionen führen wird, die schon längst überfällig sind. Und das ist gut so! Gremien, Verbände und Politik leben hier ein Eigenleben, das mit der Realität an der Basis nicht mehr viel zu tun hat. Ob das DWI wirklich das leistet was es zu leisten vorgibt sei dahingestellt. Warum man unbedingt am komplizierten deutschen Weinrecht festhalten will, kann ich mir auch nur damit erklären, dass die staatliche Qualitätsweinprüfung in Baden z.B. vom Weinbauverband durchgeführt wird. Es muss und wird sich etwas ändern, und wenn die eigenen Strukturen nicht zu zukunftsfähigem Denken fähig sind, dann eben mit Druck aus Brüssel und von der Basis.
Christian Stocker | 17.07.2009 - 16:32

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