Mittwoch, 23.09.2009
Klimawandel zerstört klassische Weinlandschaften
Was die Klimaexperten von Greenpeace für Burgund vorrechnen gilt auch für andere französische Gebiete wie Bordeaux, die Rhône, die Loire oder das Elsass und in Deutschland natürlich analog für den Rheingau oder die Mosel bzw. in Österreich für die Wachau oder das Kamptal. Alle diese berühmten Anbaugebiete werden unweigerlich ihre Typizität verlieren, wenn die Temperaturen weiter ungebremst steigen. Die Studie geht in vielen Punkten noch weiter und ist daher noch alarmierender als die bisher bekannten Studien aus Geisenheim und Potsdam zumal ihr ein aktuelleres Zahlenmaterial zugrunde liegt.
Im Zeitraum zwischen 1988 und 2006 wurden in Beaune , die Trauben 13 Tage früher gelesen als in der Periode zwischen 1973 und 1987. In dieser zeit verkürzte sich die Reifezeit von 50 auf 4o Tage. . Bereits heute zeigen daher Rotweine aus Burgund Charakteristika von Rhôneweinen und beginnen ihre Finesse zu verlieren.
Greenpeace geht davon aus, dass die Temperaturen bis zum Ende des 21. Jahrhunderts beim derzeitigen CO2 Ausstoss um 4 Grad möglicherweise aber auch um 6 Grad steigen werden. Dies würde dazu führen, dass sich die für den Weinbau geeigneten Klimazonen um bis zu 1.000 Kilometern verschieben werden. In Europa würde die nördliche Weinbaugrenze, die sich seit den 1980er Jahren bereits vom 52 bis zum 55 Breitengrad verschoben hat, dann am 60. Breitengrad also in Norwegen und Finnland liegen.
Bis zum Jahr 2100 – so die Prognose - wird sich die Klimazone des südfranzösischen Typus über weite Teile Burgunds und der Loire erstrecken- Die Bedingungen die heute im Bordelais herrschen, wären dann an der nordfranzösischen Kanalküste gegeben. Gleichzeitig würde Weinbau in weiten Teilen des Mittelmeers wegen Dürre, Hitze und Wassermangel unmöglich werden. Für die vollständige Studie gibt es hier ein Download.
Scheuermann um 18:19 | Umwelt | TrackBack (0) | 5 Kommentare | Artikel versenden
Kommentare
Im Hochmittelalter wurden im Raum des heutigen Deutschland noch immer Weine in den alten römischen Weinregionen an Main, Rhein, Mosel angebaut. Im Unterschied zu heute wurde der Wein in Lagen angebaut, die bis zu 200 Meter über den heutigen Weinbauflächen lagen. Dies wird, wie im Kommentar von Frank Roeder geäußert, wieder als Konsequenz der Erwärmung notwendig. Im Hochmittelalter existierten neben diese „klassischen“ Weinregionen weitere im Reichsgebiet, und diese lagen nördlicher als der Werderaner Wachtelberg – nämlich in Pommern und Ostpreußen. Aber auch in England, im südlichen Schottland und südlichen Norwegen ist Weinbau während dieser Phase nachweisbar. Bereits heute ist abzusehen, dass diese Regionen in der Zukunft wieder zu Weinbauregionen werden.
Während der Wärmeperiode des Mittelalters existierte auch in den südlichen Regionen Europas Weinbau. Das heute als „gefährdet“ bezeichnete Burgund hat eine nachweisbar ununterbrochene Weinbautradition seit dem 2. nachchristlichen Jahrhundert. An der Rhône wird seit dem 1. Jahrhundert n. Chr. Wein angebaut, in Bordeaux mindestens seit dem frühen 4. Jahrhundert. Auch die italienischen Weinbaugebiete können auf eine ungebrochene, teilweise in etruskische Zeit zurückreichende Weinbaugeschichte zurückblicken. In den mehr oder weniger 2000 Jahren Weinbau – je nach Region – gab es immer wieder große klimatische Veränderungen, sei es die Mittelalterliche Warmzeit oder die darauffolgende Kleine Eiszeit. Trotzdem endete nie der Weinbau, wenn auch Anpassungen vorgenommen werden mussten. Neue Rebsorten wurden angepflanzt – dies geschieht und geschah nebenbei auch ohne klimatische Gründe. Klone, Kellertechniken, Rebbau etc. veränderten die Weine, Geschmacksmoden und Weinskandale ebenso. Auch ohne Beeinflussung durch den Klimawandel schmecken heute viele Weine anders als ihre Vorfahren.
Die heutige Klimaerwärmung wird sicherlich massive Auswirkungen auf den Weinbau haben. Viele Anbaugebiete werden ihre heutige Charakteristik verlieren und die Winzer müssen notgedrungen Anpassungsprozesse einleiten. Manche Weine werden wir in Zukunft nicht mehr so wiederfinden, wie wir sie heute kennen. Aber vor 50 Jahren hätte man doch keine Bordeaux-Cuvée aus der Pfalz für möglich gehalten, heute feiern wir diese Weine. Niemand hält sie für eine schreckliche Ausgeburt des Klimawandels. Und ganz ehrlich, die heutigen Chiantis sind doch auch ohne Klimawandel teilweise nicht mehr das, was sie einmal waren. Es werden neue herausragende Weine kommen, andere Weine werden einfach vergessen. Wer trauert noch um den Falerner des antiken Roms?
Die klimabedingten Veränderungen im Weinbau erfordern daneben neue administrative Reglements. Die Appellationen repräsentieren einen status quo – der bereits heute in manchen Regionen nicht mehr zeitgemäß ist. Hier können Modifikationen die zwangsläufigen Änderungsprozesse beschleunigen und Räume für Innovationen schaffen. Natürlich ist dies eine heikle Gradwanderung, wenn man mit der Tradition nicht massiv brechen will und gleichzeitig für die Zukunft gerüstet sein möchte.
Die Winzer müssen sich darauf vorbereiten – wer nach vorne blickt, kann frühzeitig die nötigen Transformationsprozesse einleiten, wer zu sehr am Althergebrachten festhält wird scheitern. Denn stoppen lässt sich der Prozess nicht mehr. Aber massiv verschlimmern darf er sich auch auf keinen Fall, denn dann wird der Weinbau das geringste Problem sein.









