Donnerstag, 10.12.2009

Natamycin ist kein Antibiotikum – eine Recherche

Seit Wochen geistern Meldungen durch die Medienlandschaft, dass man in argentinischen und südafrikanischen Weinen Antibiotika gefunden habe. Alle haben das ungeprüft nachgedruckt von dpa bis Bild und von Spiegel Online bis zum Krankenversicherungs Blog. Einige legten sogar noch eins drauf und schrieben im Plural von "Antibiotika im Wein". Lediglich auf Twitter und Facebook haben einige Kollegen und Weinfreunde mit dem Hinweis dagegen gehalten, dass es sich bei Natamycin um ein Antimykotikum handelt und eben nicht um ein Antibiotikum. Nach hartnäckigem Nachfragen macht auch das Landesuntersuchungsamt (LUA) in Koblenz heute einen Rückzieher und wird künftig nicht mehr von einem Antibiotikum sondern korrekt von einem Antimykotikum sprechen. Dessen ungeachtet ist die beanstandete Substanz in der EU natürlich für die Weinbehandlung verboten und ist somit auch für Importweine nicht erlaubt. Das steht ausserhalb jeglicher Diskussion. Das LUA hat seit Anfang November 204 Weine aus Nicht-EU-Ländern auf Antibiotika untersucht und 16 beanstandet.



Das Landesuntersuchungsamt hatte sich auf eine Aussage der Berliner Bundesanstalt für Risikobewertung verlassen, die im Falle von Natamycin von einem Antibiotikum sprach. Wie mir mehrere Apotheker, Ärzte und Chemiker aber auch der leitende Mikrobiologe in Geisenheim auf Nachfrage erklärten, ist dies wissenschaftlich falsch. Weder sind Antimykotika identisch mit Antibiotika noch sind sie eine Untergruppe davon. Auch wenn der Volksmund heute alle Mittel, die gegen Bakterien, Viren und Pilze eingesetzt werden, pauschal als Antibiotika bezeichnet, ist das wissenschaftlich nicht korrekt. Man spricht zwar im Falle von Natamycin gelegentlich von einem polyenen, fungistatischen Antibiotikum, Aber eine solche Untergruppe gibt es bei den Antibiotika – wie man hier sehen kann – nicht. Natamycin ist eine gegen Pilze und Hefen wirkende Substanz, die z.B. als Konservierungsstoff auf der Oberfläche bestimmter Käsesorten und getrockneter Würste zugelassen ist und auch als Medikamentenwirkstoff gegen Pilzbefall auf Schleimhäuten und den Augen zum Einsatz kommt. Das Verbot beruht nicht auf einer möglichen toxischen Wirkung sondern auf einer befürchteten Resistenzbildung bei zu häufigen und unkontrollierten Anwendungen.

Bleibt für mich zum einen der Verdacht, dass man in diesem Fall bewusst den Begriff „Antibiotikum“ aus propagandistischen Gründen gewählt hat, sozusagen als ein Wort mit Panik-Garantie. Ist es doch durch allerlei Lebens- und Futtermittelskandale entsprechend vorbelastet und dadurch geeignet Ängste in der Bevölkerung zu schüren.

Das wäre in meinen Augen höchst unverantwortlich vom Amt ebenso wie von den Medien, die es unbedacht übernommen haben. Es wäre aber auch nicht der erste Versuch in Deutschland Überseeweine zu skandalisieren, seit diese sich einen zweistelligen Marktanteil erobert haben. Interessant ist in diesem Zusammenhang vielleicht auch, dass dieser erneute Skandalisierungsversuch bereits im Oktober von einem Unternehmen des chemisch-pharmazeutischen Komplexes in einem Newsletter angeheizt wurde, der in Langenlonsheim ansässigen Firma Bergerow.

Es bleibt aber auch die Frage: wie kommt das verbotene Mittel in die beanstandeten Weine? Handelt es sich um Rückstände eines vinologischen Verfahrens oder handelt es sich um eine Kontaminierung des Weins von aussen? Zum einen fällt auf, dass sich die nachgewiesenen Mengen sehr erheblich unterscheiden, während bei den argentinischen höhere Dosen gefunden wurden, bewegt sich die Menge bei den südafrikanischen Weinen im Bereich von zehn Mikrogramm (0,010 mg) beim Shiraz Rosé bis 16 Mikrogramm ((0,016 mg) beim Constantia Blanc de Noir und damit nahe an der Nachweisgrenze. Nur zum Vergleich: Käse und Würste in Europa dürfen 40 mg/kg (= 40mg/l) auf der Haut enthalten, also die mehrtausenfache Menge.

Es ist daher eher unwahrscheinlich, dass sie Ergebnisse eines Weinbereitungsprozesses sind. Wenn man des Stoff beispielsweise zur Unterbrechen der Gärung bei einem bestimmten Restzuckergehalt oder als Schutz gegen unerwünschte mikrobiologische Einflüsse nach der Gärung durch Schadorganismen zugesetzt hätte, wären dafür mindestens zehn Milligramm (mg) notwendig gewesen, um solche Wirkungen zu erzielen. Also etwa das Doppelte der in dem Bergerow-Rundschreiben angegebenen Menge.

Aussagen von Pharmafirmen sind in einem solchen Fall mit absoluter Vorsicht zu geniessen; denn sie können Quelle und Partei zugleich sein. Die meisten von mir befragten akademischen Fachleute tendieren dazu, dass es sich eher um eine Verunreinigung handelt, die von aussen kam. Dafür werden zur Zeit von verschiedenen Seite unterschiedliche Möglichkeiten diskutiert: Verunreinigung der Flaschen, Einfluss von Holz (Barrique, Chips etc.), kontaminierte Korken, rektifiziertes Traubenmostkonzentrat (RTK) sowie Fungizidbehandlung im Weinberg oder Keller.

Einiges davon kann man wie die Flaschen-Theorie wohl getrost ad acta legen. Ebenso die Holz-These. Zwar wird Natamycin zur Pilzbekämpfung in der Forstwirtschaft eingesetzt, würde sich allerdings, wenn überhaupt nicht im Holz sondern nur in der Rinde finden lassen. Ausserdem werden Chips, Sticks erhitzt und Barriques gebrannt, was Natamycin nicht überstehen würde. Gegen Rückstände einer entsprechenden Fungizidbehandlung im Weinberg spricht der Zeitfaktor. Als Haupt-Verdächtige bleiben letztlich nach meinen Recherchen zwei übrig: behandelte Korken und Mostkonzentrat, das bei längerer Aufbewahrung zur Stabilisierung u.a. mit Natamycin behandelt wird. Im Fall von Argentinien ist mir allerdings doch auch eine Holz-Variante bei den Erklärungsversuchen zu Ohren gekommen, der zumindest ein gewisser Unterhaltungswert zuzusprechen ist, weshalb ich sie hier wiedergebe. So sollen dort angeblich kontaminierte Alt-Fässer geschreddert und zu Chips verarbeitet worden sein.

Bei allen Gegensätzen in den inzwischen auf diversen Weblogs erschienenen Beiträgen zu diesem Thema verdient es festgehalten zu werden, dass die Web2.0-Weinschreiber jeglicher Couleur sich bis jetzt erheblich mehr Mühe mit ihren Recherchen und der Aufarbeitung des Falles Natamycin gegeben haben als alle ihre Print-Kollegen.

Andere Postings zum Thema:

Weinverkostungen.de: Natamycin im Wein
Würtz Wein: Natamycin – Antibiotikum im Wein
Wein macht Spass: Wirkt Natamycin ggf. auch gegen Schweinegrippe?
WorldWein Blog: Antibiotika im Wein? Information als gezielte Desinformation
Be24: Antidingsbums im Wein: Wer trägt Schuld?
Wine Conversation: Would you like a dash of natamycin with that?

Cherries and Clay.com: Natamycin In My Malbec - Is That Bad?

Kommentare

Zitat:

Handelt es sich um Rückstände eines vinologischen Verfahrens oder handelt es sich um eine Kondaminierung des Weins von aussen?

Zitatende...

... schöner Peidrak. Wirt nur leiter gondaminierd turch tiesen mehrfach aufdredenten schreipfehler.

Oder: Schöner Beitrag. Wird nur leider kontaminiert durch diesen mehrfach auftretenden Schreibfehler. So wie offensichtlich alle Medien in Deutschland "ungeprüft" die Aussagen eines Instituts (seriöse Quelle, hohe Glaubwürdigkeit) übernehmen und sich dadurch ein Benennungsfehler einschleicht, ist dir das mit der ungeprüften Übernahme einer fehlerhaften Schreibweise passiert. Strukturell der gleiche Fehler. Leider.
Sven | 11.12.2009 - 09:33
Vielen Dank für den humorvollen Fingerzeig. Ich habs korrigiert.
Mario Scheuermann | 11.12.2009 - 11:04
Ich finde Kontaminierung unwahrscheinlich. Gärungsrückstand? Oder einen Versuch den Brettanomyces Herr zu werden? Letzteres könnte die Bemühungen der Fa. Beregerow erklären...
Ole | 03.01.2010 - 19:59
@Ole
zumindest in Südafrika deutet derzeit alles auf Kontaminierung hin. Die gefunden Mengen sind zu gering um etwas anderes wahrscheinlich erscheinen zu lassen.
Mario Scheuermann | 03.01.2010 - 23:59
... interessant wäre ja auch mal festtzustellen welche abbauprodukte aus natamycin entstehen und die eventuell zu qantifizieren, dann könnte man auf die ursprüngliche konzentration an natamycin schließen. oder welche auswirkungen, haben diese abbauprodukte auf den menschlichen organismus und die umwelt?
g.w. | 24.01.2010 - 00:40

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